„Wie du mich siehst“ von Tahereh Mafi

„Wie du mich siehst“ von Tahereh Mafi

Tahereh Mafi schreibt einen autobiographisch angelegten Roman über Shirin, eine junge Muslima in Amerika, die täglich mit Rassismus konfrontiert wird. Shirin verschließt sich in ihrer schalldichten Schutzblase bis ein weißer, blauäugiger Junge im Flur der Schule gegen sie läuft. Ocean ist von Anhieb an anders als die anderen Schüler*innen und Gleichaltrigen. Er scheint sich ehrlich und unvoreingenommen für sie zu interessieren, sie als vollwertigen Mensch zu sehen. Er beginnt, sie wirklich sehen zu wollen. Und so beginnt Shirin, sich zu öffnen und die Realität ihres Lebens fortgehend wahrer und echter zu erleben.

Es fühlt sich an wie ein gesellschaftlicher Durchbruch, im Alter von zwanzig Jahren das erste Mal sich selbst in einem Roman zu finden. Ich wünschte, ich könnte zu meinem jüngeren Ich sprechen, das damals nie so weit gedacht hat, überhaupt Bücher auf dem westlichen Markt mit Charakteren, die so sind wie sie, für möglich zu halten. Diese Ansprache klingt vielleicht drastisch, aber der Mangel an Repräsentation sowie die subtilen Konsequenzen dieser sind prekär.

Das tolle an diesem Roman: die Authentizität. Shirin ist keine Stellvertreterin für eine ganze Gemeinschaft an Menschen. Sie ist kein Vorbild. Sie ist einfach ein Mädchen, das in schreckliche Schubladen gesteckt wird.

So will Tahereh Mafi nicht mit erhobenem Finger belehren, sondern nur die Wahrheit erzählen. Dabei ist sie ehrlich, unverblümt und emotional. Ich bin dankbar, dass sie mit ihrer großen Reichweite und ihrem hoch etablierten Namen in der Literaturbranche den Mut hatte, eine so persönliche Geschichte in die Welt zu setzten und vielen Mädchen endlich den Platz als Hauptrolle zu schenken. Ganz oft hat Shirin Dinge gefühlt und gedacht, die mir selber exakt so durch den Körper gingen. Gleichzeitig hat sie auch in manchen Ansichten gegenteilig von mir gehandelt. Shirin verkörpert nicht mich, sondern fühlt sich an wie eine lang ersehnte Freundin. Sie ist eine Komplizin, die den Kampf gegen den Rassismus mit mir weiterkämpft. Shirin ist menschlich. Ich sehe mich in ihr und bei ihrer Seite.

Das Buch selber ist eine empfehlenswerte Liebesgeschichte. Weder zu kitschig, noch zu distanziert. Der Schreibstil liest sich überaus flüssig und ist, wie man es von Mafi gewohnt ist, eindrucksvoll. Shirin hat neben Musik und Mode ein sehr interessantes Hobby, dass sie mit purer Leidenschaft ausführt: Breakdance. Diese Szenen geben dem Buch eine sehr rhythmische Note, man hat Spaß an der Geschichte. Es ist ein sehr facettenreicher Roman, der einen zum Grinsen bringt, aber dann später auch den Brustkorb verengen lässt. Als würde das Buch mit dem*der Leser*in jonglieren, fiebert man von Seite zu Seite mit.

Tahereh Mafi hat tolle Charaktere und vor allem tolle Entwicklungen zu Papier gebracht, die man mit warmwerdender Seele gerne begleitet. Shirin ist weder perfekt, noch versucht sie es zu sein. Ich glaube, im Kern ist das eine Botschaft, die in jedem Leben signifikant ist und gehört werden darf. In diesem Sinne kann das Buch vieles bedeuten: eine lockere und gleichzeitig tiefer gehende Lektüre für leidenschaftliche Leser*innen oder aber auch ein ergreifender Durchbruch.


Rezension von Firdevs bzw. Finny
Finny ist Buchhändlerin und Studentin aus Baden-Württemberg und liebt es, ihren Mitmenschen so diverse Buchempfehlungen wie möglich ans Herz zu legen

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